10/02/2021
Offener Brief an die Gemeinde Stelle
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor einer Woche, am 27.01.2021 habe ich an Sie - die Ratsmitglieder der Gemeinde Stelle, eine E-Mail mit dem Betreff „Appell an die Vernunft“ versendet.
In dieser E-Mail hatte ich darum gebeten, dass man mir die, durch die Ansiedlung des ALDI Zentrallagers, für die Steller Bürger entstehenden Vorteile benennt.
Zitat aus meiner E-Mail vom 27.01.2021 :
Wo sind die Vorteile für die Bürger, den Ort, die Region und der Allgemeinheit?
Wer meint, dass die Gemeinde dadurch einen Vorteil erfährt, möge doch bitte beschreiben, worin dieser liegt.
Das wenig erstaunliche Ergebnis dieser Befragung ist dieses: …
Ja, richtig, NICHTS, keine Antwort, kein Argument, kein Statement noch nicht einmal der Versuch, die bereits vorgetragenen Argumente nochmals zu wiederholen.
Da man aber nicht nicht kommunizieren kann, bietet dieses Resultat viel Raum für Interpretation.
Ich versuche mich mal darin und zähle die Punkte auf, die ich daraus deuten würde:
• Null Pro-Argumente bedeuteten, nach der Logik einer, mathematisch offensichtlich hochbegabten Ratsfrau, im Umkehrschluss also, dass es ausschließlich Gründe dagegen gibt.
Da ich der Rechenweise, dass die über 2.000 Unterschriften der Steller Bürger die sich gegeben die „Sondernutzung“ der Fachenfelde Süd ausgesprochen haben, im Umkehrschluss bedeuten,
dass die restlichen 10.000 der knapp 12.000 zählenden Einwohner sich für die Ansiedlung aussprechen, noch nie folgen konnte, lasse ich diese Interpretation mal außen vor.
• Sie scheren sich nicht um meine E-Mails
Das scheint ein durchaus plausibler Grund für fehlende Reaktionen zu sein - nur lassen sich daraus wieder weitere Rückschlüsse ziehen.
Vielleicht nehmen Sie mich ja nicht ernst und vermuten an, dass ich eh nur ein (Zitat Spaude) „besessener Protagonist" bin.
Das wäre wirklich sehr bedauerlich - denn mir ist die Fragestellung durchaus ernst und eine fehlende Antwort kann günstigsten Falls als unhöflich ausgelegt werden.
• Es könnte auch sein, dass Sie es nicht für nötig halten, auf E-Mails von Bürgern aus der Region zu antworten.
Auch das ist ein durchaus plausibler Grund. Sicher sind Sie alle viel beschäftigt und üben das Amt ja größtenteils ehrenamtlich aus.
Sollte man sich bei der Bekleidung eines solchen Amtes aber nicht auch die Zeit nehmen, sich mit den Fragen und Bedenken der Bürger auseinanderzusetzen?
Ich bin überzeugt davon, dass viele mit dem beginnenden Wahlkampf wieder vor irgendwelchen Supermärkten stehen werden, um in den Dialog mit den Bürger zu treten.
Diese Zeit sollten Sie sich aber einfach jetzt mal nehmen. Denn Demokratie findet nicht nur im Wahlkampf statt, sondern ist ein permanenter Prozess, der insbesondere
im Konfliktfall ein wichtiger Grundstein unseres Zusammenlebens ist.
• Es gibt gar keine Argumente, die für die Ansiedlung sprechen.
So krass würde ich das gar nicht formulieren. Aber selbst bei wiederholter Betrachtung der angeführten Argumente will mir die Entscheidung vom 13.01.2021 nicht plausibel erscheinen.
Selbst wenn man alle Argumente, die gegen die Ansiedlung des Zentrallagers sprechen, ausblendet, ja selbst dann ist ein Vorteil nicht zu erkennen.
Beleuchten wir doch mal kurz die am häufigsten aufgeführten Pro-Argumente:
- Arbeitsplätze
- Steuereinnahmen
- Ein Verhandlungspartner
- Hohe Beteiligung der Erschließungskosten durch ALDI
Arbeitsplätze
Gibt es eine empirische Erhebung, die ausweist, wieviele Arbeitsplätze in der Region geschaffen oder erhalten werden?
Wenn ja, wurde dabei berücksichtigt, dass Logistik-Zentren in den nächsten Jahren immer stärker automatisiert werden und Menschen dort kaum mehr gebraucht werden?
Leider konnten solche Zahlen zu keinem Zeitpunkt geliefert werden und man muss den Eindruck bekommen, dass hier einer Illusion gefolgt wurde.
Steuereinnahmen
Wie bereits mehrfach angeführt, wurde in diesem Punkt äußerst blauäugig und naiv von imaginären, aus der Vergangenheit stammenden Zahlen ausgegangen.
Je größer ein Konzern ist, desto weniger Steuern werden von diesen Unternehmen abgeführt.
Durch geschicktes Finanzmanagement gelingt es insbesondere großen, international agierenden Unternehmen immer häufiger, die Gewinne zu „vertuschen“ oder so
darzustellen, dass sie mit Investitionskosten gegengerechnet werden und es so zu einer möglichst geringen Steuerlast kommt.
Gibt es belastbare Zahlen und Prognosen für die zu erwartenden Steuereinnahmen der Gemeinde Stelle durch die Ansiedlung des ALDI Zentrallagers?
Ein Verhandlungspartner
Diese Argument ist beinahe schon als fahrlässige Fehleinschätzung der vermeintlichen Vorteile zu interpretieren.
Der Steller Rat ist der Meinung, dass mit diesem Unternehmen „auf Augenhöhe“ verhandelt wurde. Eine maßlose Selbstüberschätzung!
Natürlich wird man in den Verhandlungen viele Zugeständnisse gemacht haben.
Vielleicht ist bei einigen Ratsmitgliedern auch der Eindruck entstanden, dass die Firma ALDI die „Guten“ sind und wer weiß, vielleicht gab es ja sogar Vorteile für Einzelne.
Aber selbst wenn man das außer Acht lässt, dann sollte sich doch eigentlich jeder im Klaren sein, wer nach der erfolgreichen Ansiedlung am längeren Hebel sitzt.
Ich bin gespannt, ob Sie dann immer noch der Meinung sein werden, „auf Augenhöhe“ mit diesem Unternehmen zu verhandeln.
Könnte es nicht auch sein, dass die Gemeinde Stelle erpressbar wird?
Könnte es nicht auch sein, dass künftige Entscheidungen immer unter Einfluss dieses Unternehmens stehen?
Vielleicht sollten Sie sich mal mit Ihren „Kollegen“, den Ratsmitgliedern der Gemeinde Seevetal zusammensetzen und sich nach den Abhängigkeiten des Ortes Ramelsloh
im Zusammenhang der Firma ALDI erkundigen.
Da der Fraktionsvorsitzende der CDU Herr Spaude, die Gemeinde Seevetal aber vorsorglich zum „Feind“, der sich in innere Angelegenheiten einmischt, erklärt hat,
wird Ihnen vermutlich diese Unbefangenheit nun fehlen - auf einen Versuch sollten Sie es jedoch mal ankommen lassen.
Hohe Beteiligung der Erschließungskosten durch ALDI
Solange alle anderen Argumente nicht eindeutig positiv ausfallen, muss man sich auch keine Gedanken über Kosten machen, die ansonsten in der Höhe gar nicht anfallen würden.
Ich bin also gespannt, ob jetzt nun noch etwas von Ihnen kommt. Ich befürchte zwar, dass auch dieses E-Mail unbeantwortet bleiben wird, aber wie eingangs schon erwähnt - man kann nicht nicht kommunizieren.
Um so spannender wird es, mit welchen Argumenten und Wahlversprechen CDU und SPD sich bei den bevorstehenden Kommunalwahlen präsentieren wollen.
"Für ein Deutschland (Stelle), in dem wir gut und gerne leben.“ und „Die Zukunft braucht neue Ideen. Und einen, der sie durchsetzt“ wirken vor dem Hintergrund der getroffenen Entscheidung wie ein höhnischer Witz.
Der Entscheidung mangelt es nämlich nicht nur an neuen Ideen, sondern sie verhindert auch, dass man sich in Stelle wohl fühlt und dort gut und gerne lebt.
Also liebe Befürworter des ALDI Zentrallagers, beweisen Sie doch bitte mal, dass Sie keine Luschen* sind, sondern sich nachhaltig für Ihre Heimat einsetzen indem Sie belastbare Fakten auf den Tisch legen,
die belegen, dass der am 13.01.2021 gefasste Beschluss ein guter Beschluss war.
Vielen Dank und viele Grüße
Holger Darjus
*Luschen ist meiner Meinung nach der passende Begriff für Menschen, die sich nicht intensiv mit einem Thema auseinander gesetzt haben aber dennoch Entscheidungen treffen.