22/01/2026
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Wir waren hart, aber wir waren nicht kalt
Zu „Hitlergrüße und Frauenhass“ (F.A.Z. vom 29. Dezember): Ich war Fallschirmjäger in einer Zeit, in der vieles anders war als heute: späte Siebziger bis frühe Neunziger. Der Kalte Krieg noch nicht ganz vorbei, die Zukunft ungewiss, und wir standen an der Schwelle zwischen zwei Zeitaltern: dem alten Begriff von Soldatentum und dem modernen, demokratisch eingebetteten Verständnis, das die Bundeswehr heute prägt.
Ich trug die Uniform in einer Phase, in der man Härte nicht simulierte, sondern erlebte, körperlich wie geistig. Und doch ist das Entscheidende für mich nicht die Härte selbst, sondern was sie in uns auslösen sollte: Verlässlichkeit, Verantwortung, Kameradschaft — ein Wort, das man heute vorsichtig ausspricht, gerade weil es so oft falsch verwendet wird.
Wenn ich heute von rechtsextremen Vorfällen, Übergriffen und entmenschlichenden Ritualen in Teilen der Truppe lese, spüre ich zwei Dinge gleichzeitig: Wut und Wehmut. Wut, weil Menschen verletzt wurden, weil Würde übergangen wurde, weil Symbole auftauchen, die mit Soldatentum unvereinbar sind. Wehmut, weil Härte und Demütigung in der öffentlichen Wahrnehmung verschwimmen — und weil das, was uns damals stark gemacht hat, nicht das war, was heute kritisiert wird.
Wir waren hart. Aber wir waren nicht kalt. Dieser Satz mag simpel klingen, doch er beschreibt den Kern. Härte war nie das Ziel. Das Ziel war, gemeinsam dort anzukommen, wo es schwierig wird — und dort nicht allein zu stehen. Es gab Rituale, ja. Sie legten eine Schicht aus Härte über die Haut — manchmal wortwörtlich.
Aber in ihrem Kern lag etwas anderes: die Frage, ob man zu den Menschen gehörte, die dich wieder hochziehen, wenn du im Schlick liegst. Es ging um Verlässlichkeit unter Druck — nicht um Erniedrigung. Ich denke an eine Szene, die wahrscheinlich nur Insider verstehen: Man bekommt die Schwinge – das Fallschirmabzeichen – auf die Uniform, auf die Brust, geschlagen. Als Außenstehender schüttelt man den Kopf. Als junger Soldat vielleicht auch — bis jemand, der schon weiter ist, dir leise, fast beiläufig sagt: „Nimm ein Handtuch. Steck es unter die Uniform. Dann tut es nicht weh.“
Dieser Satz war kein Zeichen von Schwäche. Er war eine Form von Schutz im Gewand der Härte — und eine stille Brücke zwischen denen, die schon da waren, und denen, die noch ankamen. Härte mit Maß — das ist ein Begriff, der heute fehlt. Denn Maß bedeutet nicht Mitleid. Maß bedeutet Grenze. Und diese Grenze war klar: Keine Entwürdigung. Keine Herabsetzung. Kein Hass.
Wo rechtsextreme Symbole auftauchen, wo Frauen herabgesetzt werden, wo Schwächere benutzt statt beschützt werden — da hat nicht Härte versagt, sondern Haltung. Das ist nicht Tradition, sondern ihr Missbrauch. Ich weiß, dass wir damals nicht alles richtig gemacht haben. Einige Rituale waren gefährlich, manche unnötig. Aber sie wurden gebremst durch eine unsichtbare Linie, die heute zu oft übersehen wird: den Unterschied zwischen Prüfen und Demütigen, zwischen Fordern und Zerstören, zwischen Schmerzen aushalten und Schmerzen zufügen, um zu erniedrigen.
Vielleicht muss die Bundeswehr heute genau das neu lernen: Härte ist nichts wert ohne Menschlichkeit. Menschlichkeit ist nichts wert ohne Verantwortung. Und Verantwortung bedeutet, rechtzeitig einzuschreiten — so wie jemand damals im entscheidenden Moment ein Handtuch reichte, nicht weil er Schwäche sah, sondern weil er Schutz versprach. Wir waren hart. Aber wir waren nicht kalt.
Jürgen Zwing, Landau
Ermittlungen in der Bundeswehr +++ Wehrpflicht und Disneyland +++ Stimmen der Anderen +++ Potential des Konservatismus