17/08/2020
Coaching-Magazin Online, 2019
von Dr. Wolfgang Issel
Der Inhaber und Geschäftsführer eines kleinen Produktionsbetriebs ist ein hervorragender Fachmann – was die Herstellung seiner Produkte betrifft. Er sucht und findet permanent Verbesserungsmöglichkeiten beim Material sowie Ansätze zur Zeitersparnis und Kostensenkung im Produktionsprozess. Leider erarbeitet er weder eine Strategie für die Zukunft seines Betriebs, noch gibt er sein Wissen so strukturiert an seine Mitarbeiter weiter, dass seine Verbesserungen auch umgesetzt werden können. Er macht es einfach nicht. Will er nicht oder kann er nicht?
In der Tat fühlt sich der Inhaber überlastet und findet für die Entwicklung eines umfassenden Konzeptes seiner Firma "einfach keine Zeit". Wenn sein externer Berater, den er offiziell zur Unterstützung angeheuert hat, eine Besprechung quasi erzwingt, ist ihm alles "zu kompliziert". Widerwillig stimmt er einigen Vorschlägen des Beraters zwar zu, hält sich aber an nichts. Dass er die Vereinbarungen nicht einhält, liegt nicht am Zeitmangel; seine Mitarbeiter beobachten ihn regelmäßig, wie er die Kaffeemaschinen im Sozialraum gründlichst reinigt, "weil das keiner außer ihm gut genug macht".
Eindringlich vorgetragene Argumente dafür, die bisherigen Prioritäten in seiner Arbeitsweise zu überprüfen, da die Firma gegenüber der Konkurrenz zurückzufallen droht, lösen bei ihm Abwehr bis hin zur persönlichen Aggression aus.
Was geht hier vor?
Plakativ vereinfacht: Der Mann stößt an seinen "mentalen Deckel" und kann nicht darüber hinaus. Diese Deutung entstammt einem theoretischen Gedankenmodell, das unter anderem davon ausgeht, dass die Berechnung der (Re)Aktionen eines Menschen im Gehirn unter Einsatz übereinander geschichteter Ebenen erfolgt (ähnlich zur Schichtentheorien von Schmidt, 2018). Das hier beschriebene Modell ist in der Praxis als Sinnbild zu verstehen, um das eigene Verhalten bzw. das Verhalten des Coaching-Klienten besser einordnen und bearbeiten zu können – es ist eine theoretische Stütze, um komplexe Vorgänge im Gehirn verständlich zu machen.
Zwei einfache Beispiele, um das Modell besser zu verstehen: Unversehens fällt ein Löffel vom Tisch. Die „untere“ Ebene im Gehirn löst völlig instinktiv einen zwar ungenauen, dafür aber blitzschnellen Griff aus – und der Löffel ist aufgefangen. Ein Chirurg hingegen benötigt höchste Präzision in seinen Bewegungen. Um hier die geforderte hohe räumliche Genauigkeit zu erreichen, muss sein Gehirn „höhere“ Ebenen einsetzen. Diese Schichten ermöglichen feinste motorische Steuerungen, arbeiten jedoch langsam und verbrauchen überdies überproportional viel Energie.
Bei der sogenannten "geistigen Flughöhe" ist es – zumindest sinnbildlich betrachtet – ähnlich: Das Reinigen einer Kaffeemaschine ist, wenngleich es keine Instinkthandlung darstellt, energiesparend und damit sogar entspannend. Doch je mehr Gesichtspunkte gleichzeitig zu berücksichtigen sind, je mehr Überblick und längerfristiges Denken gefordert werden, desto höhere Schichten muss das Gehirn in Anspruch nehmen. Diese Schichten sind höchst zunehmend energieintensiv – strategische, komplexe Gedankengänge ganz besonders.
Was, wenn der Mensch erstmalig vor strategische Aufgaben gestellt wird, deren Bearbeitung eine höhere Denk-Ebene beansprucht als er bisher im Leben benötigte?
Dann stößt der Betroffene im eingangs erwähnten Gedankenmodell an seinen "mentalen Deckel". Die anspruchsvolle Aufgabe erscheint ihm zu kompliziert. Die bisher im Gehirn genutzten Schichten erlauben keine realistische Wahrnehmung der neuartigen Aufgabenstellung – und rationale Entscheidungen schon gar nicht. Es gelingt nicht einmal, die Aufgabe umfassend zu verstehen. Mangelnde Einsicht entsteht nicht aus bösem Willen, sondern schlicht aus Überforderung.
Routine-Beschäftigungen lösen dann zwar das Strategieproblem nicht, erscheinen aber wenigstens machbar und können ihm gewisse Erfolgserlebnisse und Zufriedenheit verschaffen. Bei Aktivitäten, die auf eher niedriger Ebene vom Gehirn bewältigt werden können, mischt er sich bei seinen Mitarbeitern überall ein. Die weiterhin unbeantwortete Strategiefrage sorgt indes für Dauerstress bei allen.
Unter energiezehrender Stressbelastung, woher sie auch rühren mag, werden energieintensive höhere Ebenen zur Energieersparnis immer mehr aus dem Spiel genommen. Ohne steuernden Eingriff, z.B. durch ein individuell angepasstes Coaching, sinkt der "mentale Deckel" immer tiefer, durchaus bis zur finanziellen oder gesundheitlichen Krise. Auf unteren Ebenen beheimatete, nahezu kindisch-emotionale Verhaltensweisen mit unkontrollierter Überempfindlichkeit und Rechthaberei bis hin zur handfesten Aggression verschaffen sich immer mehr Raum.
Erschwerend für sein Umfeld kommt hinzu, dass der Überforderte stressbedingt starke Schwankungen in seinem Pegel an Steuerungsenergie aufweist: Bei niedrigem Pegel kommt eine andere Wahrnehmung der Realität zustande als bei hohem – und damit eine andere Entscheidungsfindung. Die Folge: Keine klare Linie, sondern Zick-Zack und damit weithin unberechenbar aus Sicht seines Umfeldes. Konstellationen dieser Art sind im Alltag in mehr oder minder ähnlicher Form m. E. recht häufig anzutreffen.