31/08/2026
Die Erzählungen unseres Kanzlers
Friedrich Merz, seine Rhetorik – und was sie mit uns macht.
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Der ganze Essay unter: https://amoell.de/journal/die-erzaehlungen-unseres-kanzlers
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„Sozialtourismus.“
„Kleine Paschas.“
„Grüne und linke Spinner.“
Das „Problem“ im „Stadtbild“.
„Work-Life-Balance.“
„Lifestyle und Vier-Tage-Woche.“
Die Frage, ob 14,5 Krankheitstage „wirklich notwendig“ seien.
Und schließlich „Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: wegtreten“.
Jede einzelne dieser Aussagen kann man erklären.
Man kann auf den Kontext verweisen. Auf Wahlkampf. Auf Zuspitzung. Auf reale Probleme bei Migration, Sozialstaat, Arbeitsmarkt oder Krankenstand.
Aber irgendwann stellt sich eine andere Frage:
Wie oft kann ein hochprofessioneller Politiker dieselbe Art von Geschichte erzählen, bevor man über das Muster dahinter sprechen muss?
Denn auffällig ist nicht nur, WAS Friedrich Merz sagt.
Auffällig ist, über WEN er so spricht.
Über Migranten.
Über Bürgergeldempfänger.
Über Arbeitnehmer.
Über Teilzeitbeschäftigte.
Über Kranke.
Über politische Gegner und Kritiker.
Immer wieder werden komplexe gesellschaftliche Probleme auf Menschen heruntergebrochen.
Der Sozialstaat bekommt das Gesicht des Bürgergeldempfängers.
Das Migrationsproblem bekommt ein „Stadtbild“.
Das Arbeitsmarktproblem bekommt „Work-Life-Balance“.
Der Krankenstand bekommt die Frage: „Ist das wirklich notwendig?“
Und dabei fällt noch etwas auf:
Nach unten wird häufig moralisiert.
Da geht es um Leistung, Anreize, Missbrauch, Lifestyle und Verantwortung.
Nach oben wird sehr viel häufiger ökonomisiert.
Bei großen Vermögen, Steuervergünstigungen und wirtschaftlichen Privilegien geht es um Investitionen, Wettbewerbsfähigkeit, Unternehmensnachfolge und Standortbedingungen.
Auch das kann man politisch vertreten.
Aber man sollte sich bewusst machen, welche Erzählung dadurch entsteht.
Denn politische Sprache beschreibt Wirklichkeit nicht nur.
Sie formt sie.
Wenn oft genug über Bürgergeld als Fehlanreiz gesprochen wird, schauen wir irgendwann anders auf den Menschen, der Bürgergeld erhält.
Wenn Migration immer wieder mit dem „Stadtbild“ verbunden wird, schauen Menschen möglicherweise anders auf diejenigen, die sie für Migranten halten.
Wenn Teilzeit als Lifestyle erzählt wird, verändert sich der Blick auf den Kollegen, der früher geht.
Und wenn Kritik irgendwann als Nörgelei gilt, verändert sich auch unser Verhältnis zum Widerspruch.
Die entscheidende Frage ist deshalb für mich längst nicht mehr:
Hat Friedrich Merz das wirklich so gemeint?
Sondern:
Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn ihr Bundeskanzler immer wieder genau diese Geschichten über sie erzählt?
Worte formen Bilder.
Bilder formen unsere Wirklichkeit.