15/01/2019
HAUPTSTADT DES DURCHSCHNITTS HOLT
OSCAR DER ORTSBILDER
in der heutigen berichterstattung in sachen wakkerpreis wurde der unsägliche mythos von “langenthal als durchschnittsstadt” seit langer zeit wiedermal national ausgewalzt. aber schon 2003 habe ich im buch “langenthal – eine heimat im wandel” aufgezeigt, warum das kompletter unsinn ist. link zum text siehe unten.
in die welt gesetzt hat diese fake news anfangs der 90er die weltwoche – in einer kleinen kolumne mit zwei dutzend zeilen. der plot war: langenthal wurde als testmarkt auserwählt, weil es die durchschnittlichste stadt der schweiz sei. was erstens frei erfunden war und zweitens für das design eines testmarkts von null relevanz wäre.
geschrieben hat das stück der von seiner heimatstadt frustrierte exil-langenthaler beat wüthrich, der später ein gefragter gastrokritiker geworden ist. seine räubergeschichte wurde seither hunderte male ab- und umgeschrieben, breitgetreten und mit blumiger häme mediengerecht aufgehübscht. seit fast 30 jahren.
und jetzt heute wieder auf allen kanälen. weil der wakkerpreis nun mal sowas wie der schweizer oscar für gut gepflegte ortsbilder ist, ist er auch jedes jahr ein topthema in den nationalen medien. und ausgerechnet die grossen sendungen von srf wärmten die alte durchschnittskamelle genüsslich auf. irgendwo hab ich sogar ein neues wording gelesen: hauptstadt des durchschnitts.
als wüthrichs launige kolumne anfangs der 90er erschienen war, hatte ich gerade ein mandat für die schweizer möbelmesse in bern, wo wir von prof. kühn von der uni bern, damals eine korryphäe der marktforschung, eine kleine studie zur möbelbranche machen liessen. als ich mit einem seiner assistenten zum zmittag war, sprach ich ihn auf wüthrichs behauptung an.
„mumpitz“, meint er trocken, „schon nur der begriff „durchschnittlichste stadt“ ist ein statistisches unding, an welchen parametern will man das messen? und überhaupt, marktforschung funktioniert ganz anders. die auswahl von testpersonen geschieht unter demografischen kriterien, die auswahl des testgebiets hängt von der dortigen infrastruktur des einzelhandels und weiteren kriterien ab.“
wer die ganze geschichte lesen will bitte hierlang (lesezeit 3 min.)
>https://www.roetext.ch/pdf/richtigstellung.pdf
als junger werber und allroundkommunikatiönler habe ich mich schon beim anfänglichen hochkochen dieser fake news gefragt, warum die gemeinde kein gegensteuer gibt. dazu muss man wissen: in den ersten wochen nach der kolumne wurde das thema von sehr vielen medien in der ganzen schweiz breitgetreten. die schurnis fielen ins dorf ein, schrieben ihre storys mit viel häme, mit immer blumigeren beispielen, der boulevard war entzückt.
als heute etwas älterer werber denke ich, dassdieses doch etwas suboptimale image unserer stadt nach 30 jahren kaum mehr zu korrigieren ist. oder dann nur mit viel geduld, je nach strategie kann das nochmal so lange dauern. und vielleicht kann man das märchen auch einfach so lassen. es gibt ja noch ein paar wichtigere probleme für unsere schöne stadt. und überhaupt: eine alte hollywood-faustregel lautet: „mir ist egal was du über mich schreibst, hauptsache der name stimmt“.
dennoch würde mich gerade heute interessieren, was unser aktueller stapi reto müller und die geschätzen leser•innen von dieser seltsamen fake-news-kaskade, die nun schon drei jahrzehnte andauert und heute ein neues zwischenhoch erfahren hat, denken.
und: trinkt ein glas auf den wakkerpreis.
> hier gibts eine kleine presseschau zum freudigen ereignis von heute:
https://www.facebook.com/porziareal/photos/a.1873675596228631/2207228732873314/?type=3¬if_id=1547558213712889¬if_t=page_post_reaction
> das buch "langenthal - eine heimat im wandel"
http://www.herausgeber.ch/product-page/langenthal